willemer preis

Laudatio

zur Verleihung des Marianne.von.Willemer – Preis für digitale Medien 2018 an starsky
von Dagmar Schink  [VALIE EXPORT Center,
Jury-Vorsitzende Marianne.von.Willemer – Preis für digitale Medien 2018]

 

Hier im Bild sehen wir die Künstlerin starsky mit der von ihr adaptierten Projektionstechnik, umgebaut zu einem Apparat für bewegte Bilder und erweitert durch Schnittstellen zu digitalen Interfaces.

Eine eigens entwickelte Software ermöglicht die Variation und Steuerung der zu projizierenden Bildtafeln in Live-Fahrten, -Zooms und -Einstellungsgrößen. starsky transformiert bestehende Technologie und kreiert sich ein individuelles mobiles Werkzeug für die fahrenden Textinterventionen im öffentlichen Raum.

Diese Expertinnenschaft und Intelligenz im Einsatz der Medien erscheint uns, der Jury, ebenso wichtig zu erwähnen wie starskys langjährige Praxis und Pionierinnenrolle im Feld der Projektions- und Medienkunst-Performance.

 

foto : osaka

 

„Eine Projektion ist ein unsichtbarer Raum
gebündelter, gerader Lichtstrahlen,
der erst am Widerstand sichtbar wird“,

sagt starsky in ihrer Lecture-Performance visual basics.
Erst der Widerstand macht die Information aus Licht lesbar.

„…plötzliche erleuchtungen von kurzer dauer…“

 

starsky betrachtet den Begriff Widerstand aus sozialer, gesellschaftlicher, politischer, philosophischer und utopischer Sicht, und versteht darunter auch eine Haltung und eine Methode, die es sich anzueignen gilt. Einerseits beeindruckt also die Arbeit an der Visualisierung, dem Sichtbarmachen von gesellschaftsrelevanten Inhalten mit immersiv-performativen Mitteln.

Zum anderen ist der Künstlerin wichtig, über die Umdeutung des Begriffes niemand  eine Öffnung zu erzeugen. Eine Öffnung, die Beteiligung und Mitsprache ermöglicht, und darüber eine kollektive Autorinnenschaft bildet.

niemand mischt sich ein arbeitet mit einer Vielzahl von partizipativ entwickelten Inhalten einzelner Akteurinnen und Akteure.

Aus Sicht der diesjährigen Jury

„erweitert die renommierte Medienkünstlerin starsky mit der mobilen Projektions-Guerilla-Tour die Inhalte und Dramaturgie einer Demonstration.“

 

foto : osaka

 

Rückblende:

Im Jahr 2000 projizierte starsky erstmals Textinterventionen auf Regierungsgebäude.

Die Mächtigkeit der Projektion in Kombination mit dem Gewicht der Sprache und der Flüchtigkeit und Immaterialität erwies sich als ideales Instrument der Intervention an den Schauplätzen und Fassaden der Macht.

Sprachlich wird mit spitzem Stift an den Floskeln und Phrasen der Politik gekratzt, bis diese ihren wahren Kern preisgeben. Lautmalerische und spielerische Wortkreationen geben dem Widerstand inhaltlichen Aufwind.

niemand mischt sich ein entstand in den Jahren 2000/2001 als Reaktion der Künstlerin auf die zunehmende Fraktionierung des Widerstands gegen Schwarz-Blau und ihrem Bedürfnis, ein offenes und durchlässiges Format als Projektionsfläche für Viele anzubieten.

 

foto : tiana katinka wirth

 

niemand  ist ganz offen, ganz unhierarchisch, jede kann mitmachen.

Die Diskussions- und Denkräume drehen sich um soziale und gesellschaftliche Fragestellungen und entwickeln themen-, anlass- und ortsspezifische Module.

Seither wird niemand  im öffentlichen Raum in unterschiedlichen Aktionen sichtbar.

 

foto : osaka

 

2013, im sogenannten Superwahljahr, fand die erste mobile Guerilla-Projektion statt.

Die medial und im Stadtraum verdichtete Präsenz von politischem Wahlkampf mit allen Mitteln, von A wie Angstmache bis Z wie Zuwanderungsstopp, spiegelte die Spannbreite der Instrumentalisierung und Vereinnahmung wieder.

„da kann niemand helfen.“

 

foto : osaka

 

Selbstbestimmt, humanistisch, diskursiv und kollektiv werden die fehlenden Inhalte eingebracht und neue Aktionsformen erdacht, die noch nicht vom System vereinnahmt wurden. Dies ist eine Anstiftung und Ermutigung zum selbstständigen Denken und Handeln.

 

foto : osaka

 

niemand  betreibt eine Art Wahlkampf, ohne anzutreten.

Im Frühjahr 2018 kamen extra dafür gebaute Geräte und weiterentwickelte mobile Projektoren der Künstlerin zum Einsatz.

 

foto : tiana katinka wirth

 

starsky arbeitet an einer visuellen Grammatik und versteht die Kunst als ein Erforschen, ein Untersuchen und stetes Weitergehen.

Seit 1995 entwickelt sie intelligente Schnittstellen zwischen analog und digital, die sie in Interfaces für Projektionen, für Ton sowie für die Vernetzung unterschiedlicher Medien einsetzt. So gelingt es ihr, die analoge Großbildprojektion als künstlerisch relevantes Instrument ins 21. Jahrhundert zu übertragen.

Julia Zdarsky studierte an der Universität für angewandte Kunst bei Ernst Caramelle und Mario Terzic und machte 1996 mit Auszeichnung und dem Anerkennungspreis des Bundesministeriums für Kunst ihren Abschluss mit der Arbeit radzebutz.

Von der Malerei kommend erweiterte sie ihren künstlerischen Ausgangspunkt in Farbe und Gestaltung rasch in die vierte Dimension. Raum und Zeit/Zeitlichkeit spielen eine große Rolle. starsky arbeitet international als Visualistin und Aktionistin mit den Mitteln der Großbild-Projektion, der bewegten Lichtbild-Installation und der Bühnenprojektion.
Sie kreiert Kunstwerke, die die Verschmelzung und das Zusammenspiel von Sprache, Farbe, Bild, Inhalt und Raum zu einem eindrücklichen Abbild im Gedächtnis der Betrachtenden werden lassen.

 

 

Liebe Festgäste, liebe Zuschauerinnen auf dorf tv,
starsky ermutigt dazu, die Dinge beim Namen zu nennen und für eine Gesellschaft zu wirken, die kapitalistische und patriarchale Verhältnisse überwindet!

Wenn das nächste Mal niemand  eingeladen ist, erinnern Sie sich an heute Abend, fühlen Sie sich adressiert, werden Sie aktiv und wirken Sie mit!

Liebe Julia, liebe starsky, an dieser Stelle unsere herzliche Gratulation zur verdienten Auszeichnung mit dem Marianne.von.Willemer-Preis für digitale Medien 2018, und weiterhin lichtstarke Auftritte.

Dagmar Schink